Michelle Jezierski
Christine Liebich
- SLICES

18.03.2020 - 30.04.2020

Virtuelle Tour


Bilder der Ausstellung


Beschreibung

In der Ausstellung “Slices“ treten aktuelle Arbeiten der Malerin Michelle Jezierski (*1981 in Berlin) und neue Werke der Bildhauerin Christine Liebich (*1987 in Landshut) in einen sich gegenseitig inspirierenden, kongenialen Dialog. Struktur und deren Auflösung, geometrische Ordnung und freie Entfaltung, Gliederung und Leerstellen lassen sich als Begriffspaare und Schnittmenge beider höchst eigenständiger künstlerischer Konzeptionen benennen. Auch der Titel (zu Deutsch: „Stücke“/ „Schnitte“/ „Teile“), der auf das Bruchstückhafte des Vollständigen abzielt, auf elementare Bausteine zur Vervollkommnung oder deren Zersetzung, umkreist in schlagwortartiger Präsenz den individuellen Ansatz beider Künstlerinnen und legt zugleich die aristotelische Erkenntnis nahe, dass das Ganze mehr ist, als die Summe seiner Einzelteile. 

Michelle Jezierskis Malereien sind simultane Bildgeflechte aus atmosphärisch aufgeladenen, lichtdurchfluteten Landschaften und geometrisch abstrakten Strukturen wie regelmäßigen, parallel zueinander verlaufenden, scharf abgegrenzten Streifen. In unterschiedlichen Formationen von klarer Strenge, durchweben sie, als sich eigenständig behauptende Elemente, das Bildgefüge in gitterartigen Strukturen und verschmelzen mit der Ebene des Ursprungsmotivs wie auch vordergründigen Übermalungen zu einer bildnerischen Einheit. Die alte Vorstellung vom Bild als einem Fenster in die Welt wird dadurch konterkariert, verstellt und im übertragenden Sinne mag man darin auch einen Verweis auf die nicht sichtbare und dennoch zugrundeliegende Komplexität der Bauprinzipien und Gesetzmäßigkeiten der Natur, wie etwa zu atomaren Gittern, erkennen. In ihrer aufgehellten Farbigkeit, deren Tonwert sich an der Palette der malerisch frei aufgefassten Landschaftsdarstellungen ausrichtet, wirken die Streifen zuweilen transparent, indem sie das Dahinter wie durch einen verzerrenden Farbfilter durchscheinen lassen, um im weiteren Verlauf mit zunehmender Deckkraft den Blick auf sich selbst zu richten. Gelegentlich kommt es auch zu einer Verschiebung der Bildelemente im Raum, wenn die Streifen innerhalb ihrer begrenzten Fläche scheinbar räumlich versetzte Positionen des durchschimmernden Hintergrundes widerspiegeln. 

In anderen Bildern setzt Jezierski dass stimmungsvoll inszenierte Naturschauspiel aus einzelnen, leicht zueinander verschobenen Bildflächen abschnittsweise zusammen und erzielt mit diesem verstörenden Kunstgriff, der wie eine Faltung der Bildfläche anmutet, Irritationsmomente, die die vermeintliche Realität des Gesehenen im Sinne eines Brechtschen Verfremdungseffektes in Frage stellen. 

Jezierskis Werk lässt sich zudem als ein eigenständiger ästhetischer Kommentar zur Entwicklung der Kunst lesen. Angefangen von der langen Tradition erhabener Landschaftsmalerei, über die auf harte Kanten und klare Abgrenzung setzenden Stilrichtung der geometrischen “Hard Edge“ – Malerei gegen Ende der 1950-er Jahre, bis hin zu den frühen „Frakturbildern“ von Georg Baselitz, in denen er seine Motive aus einzelnen, zueinander versetzten Streifen zusammenfügte, um sie als solche durch die Malerei in ihrer Eindeutigkeit aufzulösen.

Christine Liebich bedient sich für ihr Werk eines im Kontext der Bildhauerei höchst ungewöhnlichen Materials. Ausgangspunkt für ihr Schaffen sind Armierungseisen wie man sie zur Bewehrung von Stahlbeton kennt. Mit diesem ausdruckstarken „Zivilisationsmaterial“, das den Stein als traditionelles Baumaterial weitgehend ersetzt hat, sucht sie im Sinne eines kritischen Kommentars auch in ihrem bildnerischen Werk nach neuen und „zeitgemäßen“ Ausdrucksmöglichkeiten. Die geriffelten Stahlstäbe, die sie zerschneidet, sandstrahlt und pulverbeschichtet werden als stückhafte Einzelelemente von Liebich zu scheinbar fragilen geometrischen und wie von einem imaginären Bildrahmen begrenzten Gebilden zusammengesetzt und verschweißt. Ein besonderer Reiz liegt dabei im Kontrast zwischen der ästhetisch suggerierten Leichtigkeit dieser Arbeiten und dem kiloschweren Material, von dem sie für die großen Formate hunderte von Metern Stahl verbaut.  

In der Werkserie “Spheres“ lässt Liebich aus parallel zueinander gestaffelten, kurzen Stäben in einheitlicher Farbigkeit, die wie ornamentale Nähte wirken, ganze Kugeln entstehen, indem sie die einzelnen Streifenfragmente wie ein Geflecht miteinander verschweißt. Auf diese Weise entstehen luftige Leer- und Zwischenräume, die im Zusammenspiel mit der definierten Struktur die vollkommene Form der Kugel ergeben, Sinnbild für Erneuerung und stetigen Wandel. 

Die mit “Momentum“ betitelten Arbeiten bestehen dagegen aus abstrakten, zueinander verschobenen Stabformationen, die sich im übertragenen Sinne wie Flusslandschaften oder auch Wolkenformationen lesen lassen. In ihrer Anordnung als Wandplastik werden sie durch den imaginären Rahmen einer Kreisform, einem sogenannten Tondo, begrenzt. Plastik und Wandbild verschmelzen zu einer Einheit.

Auch in den großformatigen Werken der “Maze“-Serie, die als Hochformate angeordnet sind, wird diese Zusammenführung von Bild und Objekt weiterhin deutlich. Ohne parallele Staffelung schweißt Liebich hier die Stahlstäbe in freier Form und ohne feste Ausrichtung zu einer sich verbindenden und überlagernden netzartigen Gesamtkomposition zusammen. Von der Ferne wirken die Stäbe dabei wie abstrakte, skripturale Kürzel, die im Ansatz an die von freier Kalligrafie beeinflusste Malerei des abstrakten Expressionisten Mark Tobey denken lassen. So wirken diese Arbeiten Liebichs wie Zeichnungen im Raum, auf denen sich frei entfaltende Striche zu einer großen Geste der vermeintlich individuellen Handschrift formieren. Doch gibt es keinen eigentlichen Bildgrund. Die Wandkonstruktionen halten einen Abstand zur Mauer, so dass die kiloschweren Stahlgeflechte in sonderbarer Leichtigkeit im Raum zu schweben scheinen.   

 

Dr. Veit Ziegelmaier